Search Show Menu
Home Latest News Menu
Features

Arnaud Rebotini & Christian Zanési releasen "Frontieres"

Hört hier die exklusive deutsche Audio-Stream-Premiere des Albums

  • Mathias Bartsch
  • 22 April 2016

Auf den ersten Blick stammen Arnaud Rebotini und Christian Zanési aus unterschiedlichen Welten. So bewegt sich Rebotini seit vielen Jahren im experimentellen Techno, während Zanési als stellvertretender Geschäftsführer und Komponist in der Groupe de Recherches Musicales (GRM) in Paris, einer der renommiertesten Institutionen im Bereich der elektroakustischen Musik, tätig ist.

Beim genaueren Hinschauen und vor allem eben Hinhören auf die jeweiligen Arbeiten, verbindet die beiden Franzosen jedoch weitaus mehr als anfänglich vermutet. Denn Rebotini und Zanési nähern sich ihrer Musik auf eine ähnliche Art und Weise. Die wichtigste Gemeinsamkeit ist die Faszination von den endlosen Möglichkeiten der elektronischen Bearbeitung von Tönen. Nach der gemeinsamen EP „Acidmonium“ aus dem letzten Jahr resultiert aus der Zusammenarbeit nun der Longplayer „Frontieres“, der heute auf Blackstrobe Records erschienen ist. Auf diesem frönen sie einer anspruchsvollen Electronica, die keine Grenzen kennt. Referenzen reichen bis weit in die Anfänge der elektronischen Musik mit Namen wie Kraftwerk oder Cluster aus der Zeit des beginnenden Krautrocks. Auch zeitgenössische Komponisten wie Pierre Henry, einem Pionier der konkreten Musik, sind als Vorbilder erkennbar. Was die Platte so interessant macht ist, dass hier gekonnt zwischen Songs im Stile einer mal fragmentarisch oder auskomponierten Klanginstallation sowie waschechten Club-Tracks abwechslungsreich gewechselt wird. Beispiele für den letzteren Einsatz sind unter anderem das Stück „12345678“, das im Minimal-Techno-Gewand beginnt und sich in einen stampfenden IndustrialTrack steigert, oder „Acidmonium“, das wie der Titel schon verrät als originärer Acid- House- Song durchgeht. Wie die beiden eigentlich zueinander gefunden haben, verrät Arnaud Rebotini: „Ich kannte natürlich die Arbeiten von Christian sehr gut und habe die Kompositionen des GRM immer sehr bewundert. Vor einigen Jahren waren wir unabhängig voneinander auf einem Festival eingeladen und begannen jeweils unseren Soundcheck vor den Auftritten. Dabei haben wir etwas zusammen gejammt und schnell gemerkt, dass es in unserer Musik viele Parallelen gibt. So war die Idee für eine Zusammenarbeit geboren.“ Ein wichtiges Element in den Songs stellt der Einsatz von analogen Synthesizern dar. Ein Part, der durch Arnaud Rebotini mehr als abgedeckt wird. Der Musiker, der bereits den renommierten Qwartz Electronic Music Award einstreichen konnte, der Künstler auszeichnet, die der elektronischen Musik neue Impulse verliehen haben, greift gleich auf eine ganze Palette an legendären Geräten zurück. Ob zum Beispiel der SH- 101 oder der Jupiter 8 von Roland aus den 1980er Jahren, sein Arsenal an Modellen stellt nicht weniger als eine Enzyklopädie der besten jemals hergestellten analogen Synthesizern dar.

Seine Vorliebe hierfür erklärt er folgendermaßen: „Es ist natürlich der spezielle Sound, es klingt in meinen Ohren einfach wärmer, verglichen mit digitalen Ergebnissen. Es sind halt einfach die Originale! Man kann es ja auch bei anderen Instrumenten beobachten, denn du siehst ja ebenfalls jede Menge Bands, die immer noch gern Gitarren aus den 1960ern nutzen.“ Als vermeintlicher Gegenpol steuert Zanési in den Tracks eine Vielzahl an elektroakustischen Sounds bei, die er durch eine digitale High- End Bearbeitung erschafft. Als Grundlage nimmt er beispielsweise Töne von Instrumenten oder aus der Natur, die er anschließend in facettenreiche elektronische Klangmuster transformiert. Hierbei nutzt er spezielle Programme, die das Pariser Institut, das eine Verbindung aus Grundlagenforschung und einem praktischen Ansatz wie der Komposition von Musik oder der Organisation von Konzerten darstellt, in langjähriger Arbeit entwickelt hat. Die sogenannten GRM- Tools, deren Lizenzen gegen das nötige „Kleingeld“ im dreistelligen Bereich auf der Homepage des Instituts erworben werden können, erlauben eine Vielzahl an Bearbeitungen wie die Veränderung von Klangfarben des Eingangssignals oder des Frequenzspektrums der Aufnahmen. Nicht weniger als 17 dieser außergewöhnlichen Sounddesign- Tools flossen in die Entstehung der Songs ein. Gefragt nach der ewig währenden Faszination am Erkunden der Welt der Töne, antwortet er: „Es ist eine stete Geisteshaltung. Für mich stellen Töne den Anfang von Musik dar. Aus ihnen entwickelt sich alles, sie sind der Trigger. Mit unserem Projekt zum Beispiel verfolgen wir das Ziel neu zu klingen, wir wollen keinen Retro- Sound machen.“ In der Geschichte der elektronischen Musik gab es verschiedene Meilensteine in der Gestalt von neugierig forschenden Personen wie Friedrich Trautwein, der in den 1930 zusammen mit Oskar Sala das Trautonium entwickelte, einem Vorläufer der heutigen Synthesizer.

Auch Lew Sergejewitsch Termen gehört in diese Riege, der bereits einige Jahre zuvor, das Theremin erfand. Auf dem einzigen berührungslos spielbaren Instrument der Welt, dessen Töne durch Veränderungen an einem elektromagnetischen Feld hervorgerufen werden, gründete sich unter anderem der Erfolg der Firma Moog. Denn bevor das Unternehmen mit Synthesizern zu Weltruhm gelang, waren es Theremine, die Firmengründer Robert Moog herstellte und deren Weiterentwicklung schlussendlich zu den ersten Synthesizern von Moog führten. Zu den besonders wichtigen Wegbereitern der elektronischen Musik, die der heutigen Ableton- und Logic- Generation den Weg geebnet haben, gehört für Zanési aber unbedingt ebenfalls der französische Komponist Pierre Schaeffer. „Er ist in meinen Augen aus vielen Gründen einer der bedeutsamsten Pioniere gewesen. Da wären zunächst einmal die musikalischen Verdienste von ihm, wie der Beitrag zur Erfindung des Loops oder des Mixens von Musiksequenzen. Auch die Filterung von Klängen geht mit auf ihn zurück. Ich habe zudem so einen großen Respekt vor ihm, weil man sich die Zeit vorstellen muss, in der er gearbeitet hat. Er hat ja bereits in den 1950er Jahren angefangen, als elektronische Musik noch nicht anerkannt war. Er kämpfte also noch gegen viele Widerstände.“ Seit den schwierigen Anfängen hat die elektronische Musik in der Folge bekanntermaßen einen beeindruckenden Siegeszug hingelegt. Eine Entwicklung, die Arnaud Rebotini sehr freut: „Für mich als elektronisch arbeitenden Musiker ist es natürlich toll mit anzusehen, dass das Genre eine solche Popularität erreicht hat. Warum es so gekommen ist, kann ich aber nicht eindeutig sagen. Als damals Bands wie Kraftwerk aufkamen, dachten wir alle, es ist die Musik der Zukunft. Vielleicht sind wir ja mittlerweile einfach tatsächlich dort angekommen!“

Arnaud Rebotini & Christian Zanési ist heute auf Blackstrobe Records erschienen.

(Fotos: Philippe Levy)

Load the next article...
Loading...
Loading...