Search Show Menu
Home Latest News Menu
Interviews

Holgi Star

Der Wahlberliner über seine kürzlich erfolgte Brasilientour

  • Mixmag Redaktion
  • 23 June 2015

Ende der 80ier Jahre kam Holgi Star nach Berlin und dürfte bis dato die Techno-Kultur aus den meisten Blickwinkeln kennen und lieben gelernt haben. In der Breakbeat-Szene rammte er Mitte der Neunziger mit der Gründung von Timing Records einen ersten Wegweiser in die Landschaft. Inzwischen bringt man ihn jedoch vielmehr mit seinen Labels wie Kiddaz.fm und Stylerockets zusammen. Sowohl als Produzent als auch DJ schöpft Holgi Star aus dem riesigen Fundus der letzten 20 Jahre, selbst die Ärzte freuten sich bereits über einen Remix. 2003 feierte die Szene weltweit sein Debütalbum "Star Wars"; in Japan steigerte sich das mitunter bis zur Hysterie. Doch auch in Südamerika sorgt Holgi Star vor allem mit seinen treibenden Gigs für Aufsehen. Seit seiner ersten15-Städte-Clubtour durch Brasilien vor knapp zehn Jahren bestehen eine feste Verbindung und jährliche Touren durch das Land. Nach wie vor steht Holgi Star mit beiden Beinen im Musikbusiness und präsentiert druckvollen Techno mit Seele. Holgi Star sprach mit uns über seine gerade frisch zurückliegende Tour durch Brasilien und über die Szene in Südamerika.

Welchen Stellenwert hat Techno deiner Meinung nach in Brasilien?
Musik im Allgemeinen hat einen sehr hohen Stellenwert in Brasilien. Brasilianer gehen gerne aus, tanzen und feiern gerne. Leider war in den letzten Jahren zu beobachten, dass der musikalische Trend sich mehr auf kommerziellen Sound verlagert hat und die Clubs dieser Entwicklung gefolgt sind. Aktuell findet wieder eine Rückbesinnung statt, langsam aber stetig. Ich habe mich mit vielen Aktivisten und Clubbetreibern unterhalten, die diese Entwicklung sehr begrüßen.Trotzdem muss man konstatieren, dass Techno oder das, was wir darunter verstehen, eine eher kleine Größe im Gegensatz zu anderen musikalischen Spielarten wie z.B. folkloristischer Musik ist.

Gibt es eine gut vernetzte Szene innerhalb des Landes?
Ja, die gibt es. Diese ist zwar lange nicht annähernd so groß, wie wir das von Deutschland bzw. Europa her kennen, aber die bestehende Szene ist gut vernetzt. Man kennt sich und arbeitet miteinander.

Welchen Einfluss hat deutscher Techno auf die Techno-Kultur in Brasilien?
Eine sehr große. Die brasilianischen Künstler schauen auf Deutschland und bekommen natürlich mit, was hier so abgeht. Vor allem Berlin ist ein sehr beliebtes Reise- und Feierziel und jeder Brasilianer, der die Musik mag und es sich leisten kann, war auch schon mindestens einmal in Deutschland bzw. Europa, um den Spirit hier zu erleben. Das öffnet natürlich Künstlern aus Deutschland die Tür bzw. die Clubs präsentieren gerne deutsche Künstler.

DJs wie Chris Liebing schwärmen oft von der Leidenschaft der Leute auf den Partys als auch der Gastfreundschaft im Allgemeinen. Hast du das ähnlich erfahren?
Ja, unbedingt! Die Gastfreundschaft vor Ort ist einfach unbeschreiblich. Jeder interessiert sich für dich, will ein Foto mit dir, will dich zu einem Getränk einladen und mit dir reden.

Du hast ja auch einen Workshop vor Ort gegeben – was hast du genau gemacht und wie war das Feedback?
Ich war Gast in der Yellow Art DJ School, eine Schule, die sich mit allen Belangen elektronischer Musik auseinandersetzt. Man kann dort auflegen und produzieren lernen. Es finden Panels statt, bei denen über elektronische Musik gesprochen und diskutiert wird. Nebenbei betreiben Sie auch den DJ Room, so eine Art brasilianischer Boiler Room. Im Workshop haben wir mit ein paar Schülern elektronische Lebensaspekte diskutiert, ich hab aus meiner täglichen Arbeit als Label und Agenturbetreiber erzählt. Es hat viel Spaß gemacht als Gastdozent vor Ort gewesen zu sein.

Die sozialen Bedingungen sind durchaus etwas schwieriger in Brasilien und dennoch ist die Anzahl an Kids mit Controller, CDJs und Turntables so hoch wie in Deutschland. Wie hast du das wahrgenommen?
Jeder Jugendliche, der die Musik mag und was auf sich hält, will DJ werden - und genauso hoch ist das Aufkommen selbiger. In Zeiten von digitalem DJing und günstigem Gear ist das ja auch nicht so schwer. Früher, also als ich meine ersten Touren dort gespielt habe, war das anders, da waren DJs noch hoch angesehen, da konnten nur diejenigen auflegen, die es unbedingt wollten, bzw. die es sich leisten konnten Vinyl zu besorgen. Ein normaler Brasilianer konnte nicht einfach nach Europa fliegen und Platten kaufen, oder sich welche per Post bestellen, die finanziellen Mittel waren einfach nicht vorhanden. Und vor Ort gab es leider keine Plattenläden, da die Einfuhrzölle auf nicht brasilianische Produkte dermaßen hoch sind, dass sich das einfach nicht gelohnt hätte.

Einige Acts aus Brasilien wie das PETDuo sind ja im Laufe der Zeit nach Berlin emigriert, könntest du dir wiederum vorstellen längere Zeit in Brasilien zu leben?
Schwierige Frage. Ich könnte mir durchaus vorstellen in Brasilien zu leben, bzw. mich da längere Zeit aufzuhalten, es ist ein tolles Land mit tollen Menschen, wunderschöner Natur und gutem Klima. Die zentrale Frage, die sich stellt, ist wie man seinen Lebensunterhalt dort verdient und ob die Brasilianische Szene nun unbedingt einen deutschen DJ-Aussteiger benötigt, der ihnen versucht die Gigs streitig zu machen :) Ich denke, ich werde es wie bisher beibehalten. Einmal im Jahr fliege ich rüber, spiele meine Tour, hänge ein paar Tage Urlaub dran und freue mich dann auf den nächsten Besuch. Vielleicht denke ich später mal über so einen Schritt nach, wenn ich mich zur Ruhe gesetzt habe :)

Die Temperaturen und das Klima sind ziemlich konträr zu unseren. Wie bist du mit Hitze und Feuchtigkeit zu Recht gekommen?
Das ist für einen eher an Kühle gewohnten Mitteleuropäer nicht ganz so einfach. Aber nicht die Hitze an sich ist das Problem, zumindest für mich, sondern das es in Ländern wie Brasilien in jedem Shop, jedem Restaurant, jedem Bus und jedem Auto, einfach überall diese verdammten Klimaanlagen gibt, die meist mit voller Pulle den Raum in dem Sie stehen runter kühlen. Der Brasilianer steht da drauf, ich bzw. mein Organismus leider nicht. Aber auch hier muss man feststellen, durch den Klimawandel gibt es in den südlich Regionen, auch Kältephasen, gerade im Winter, der dort ja im Juni ist. Im Norden ist es immer heiß aber im Süden, Rio, São Paulo Curitiba und so weiter gibt es Tage, da musst du eine Jacke anziehen, bzw. ist das Klima dann im Winter ähnlich wie hier im deutschen Sommer!

Während deiner Tour hast du in mehreren Clubs gespielt. Bist du dabei anders an die Tracksauswahl gegangen?
Nein, diesmal nicht. Wie schon erwähnt, dreht sich der Sound zum Glück gerade wieder. Dies war ja nun schon meine siebte Tour und es gab Zeiten wo man sich schon etwas verbiegen musste, weil man sonst den Club leer gespielt hätte. Aber aktuell harmoniert das wieder.

Du hast auch im DJ ROOM gespielt, der brasilianischen Variante des Boiler Room. Kommen da für dich auch nach Jahren des Auflegens Momente des Aufgeregtseins, oder überwiegt die Routine
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre nicht aufgeregt gewesen. Wenn du in einem Raum stehst, drei Kameras auf dich gerichtet sind, hinter dir stehen Menschen, die auf jeden Skill und jeden Move achten, dann ist das schon eine Herausforderung. Gerade am Anfang des Sets, aber nach einer Weile siegt die Routine und man fährt im Autopilot!

Konntest du dir auch ein paar local DJs bei den Events ansehen/hören?
Auf jeden Fall. Zum einen natürlich meinen Bro „Rogerio Animal", der bei der ganzen Tour dabei war und diverse andere Residents vor Ort in den jeweiligen Clubs, alles tolle Künstler !

Welche kulinarischen Genüsse haben dich auf deiner Tour geflasht?
Ich versuche mich ja in Deutschland immer mehr in Richtung fleischlos bzw. fleischreduziert zu ernähren, aber in Brasilien geht das einfach nicht. Wer drüben ist muss auf jeden Fall mal eine Churrascaria besuchen, quasi ein Brasilianisches Grill-Restaurant. Unglaublich gutes Essen und so vielseitig, weil neben dem Fleisch auch noch so viel andres geboten wird. Tolle Salate, frische saftige Früchte, Fisch und Gemüse. Mich als Hobbykoch beeindruckt das kolossal. Aber auch die Süßspeisen sind phänomenal, Torten, Törtchen, Gebackenes in einer Auswahl, das kann man kaum beschreiben. Dies muss man gesehen haben. Ein stinknormales brasilianisches Mittagsbuffett würde hier manches Sterne-Restaurant in den Schatten stellen.

Du bist nun schon einige Male in Brasilien und auch dem Rest der Welt getourt – welche Pläne stehen aktuell noch bei dir an?
Wie immer viele. Ich muss mich um die Agentur kümmern, die Labels die wir betreiben, es stehen Gigs in Deutschland an, wir veranstalten diverse Events in Berlin. Die Liste ist lang. Die nächste große Auslandstour steht dann auch schon wieder in 2016/2017 an.

Load the next article...
Loading...
Loading...