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Interviews

Sinner DC

Weltlexikon musikalischer Ausdrucksformen

  • Harry Schmidt
  • 23 July 2016

Ganz diskret haben Manuel Bravo und Steve Mamie innerhalb von 20 Jahren einen Wandel von der Power-Pop-Combo des Debüts über die Noise-Rock-Band, den Leftfield-Act, die Downtempo-Combo und die Experimental-Formation bis zum IDM-Duo vollzogen und sich nahezu geräuschlos einen Namen als Producer gemacht – beziehungsweise ganz im Gegenteil nicht unwesentlich mit Geräuschen haben sich die beiden zuletzt ihr Renommee erarbeitet, waren doch die drei letzten ihrer bislang neun Longplayer, nachdem ihre kreative Heimat beim britischen Ai-Label Ende der Nullerjahre die Tore schloss, allesamt auf Mental Groove erschienen, den vielen Vocals, die eher Popsong- als Clubcharakter besitzen, und den Minimal-Techno-Grooves zum Trotz, letztlich mehr Ambientalben als irgendwas sonst. In erster Linie geht es um das Erzeugen von Stimmungen, Atmosphäre, Moods – im Vordergrund scheint die Funktion als Hintergrundmusik zu stehen. Mehr denn je trifft ebendies jedenfalls auf ihr ebendort veröffentlichtes, innerhalb von drei Monaten produziertes aktuelles Album „MEG/CDG“ zu. Warum damit trotzdem eine neue Phase für Sinner DC beginnt, die für Mental Groove auch den Auftakt einer neuen Serie markiert, und was das Museum für Ethnographie in Genf damit zu tun hat, erklären uns Bravo und Mamie im folgenden Interview.

„MEG/CDG“ ist euer zehntes Album als Sinner DC und wird vom Label Mental Groove, auf dem Ihr seit fünf Jahren regelmäßig veröffentlicht, in Zusammenarbeit mit dem Museum für Ethnographie in Genf herausgegeben. Es ist auch das erste einer geplanten Reihe weiterer Kooperationen zwischen Mental Groove und dem Museum für Ethnographie in Genf (MEG). Gibt es so etwas wie einen Ausgangspunkt oder einen Anfangsmoment für das Album?
Der Ursprung von „MEG/CDG“ liegt in einer Live-Performance, die wir 2013 für ,Les Siestes Electroniques’ im Musée du Quai Branly in Paris produziert haben, für die wir Audio-Inhalte aus der Bibliothek des MEG verwendeten. Zunächst war nicht beabsichtigt, dass die Reihe mit diesem Album eröffnet wird. Seit 1984 hat das MEG mehr als 100 CDs veröffentlicht, mit Fokus auf traditioneller Musik. Jedes Album bildet eine eigene Welt ab, präsentiert ein spezifisches musikalisches Repertoire, sorgfältig von einem Spezialisten des Genres dokumentiert: Gagaku-Musik aus Japan, Musik auf der Obokano Lyra aus Kenia. Aktuell läuft eine Ausstellung über das kulturelle Erbe indianischer Communities in Amazonien, begleitet von einer beeindruckenden CD. Mit „MEG/CDG“ beginnt eine neue Serie als Zusammenarbeit zwischen dem MEG und Mental Groove. Zeitgenössische Künstler werden eingeladen, eine neue musikalische Komposition zu entwickeln, die auf Material der enormen Audiobibliothek des MEG basieren. Die Spezifikationen sind präzise, jeder Gast kann Inhalte mittels Filter nach ganz bestimmten musikalischen Parametern auswählen – Timbre, Gesangstechniken, Polyphonie, Klangfarbe. Die Idee ist, eine Art Enzyklopädie rund um musikalische Ausdrucksformen und ihre Rekontextualisierung entstehen zu lassen.

Bitte beschreibt eure Herangehensweise an, euer Konzept für, eure Absicht mit „MEG/CDG“ in ein paar Sätzen...
Während unserer Recherchen in der Audiobibliothek haben wir festgestellt, dass es sehr alte Aufzeichnungen gibt, die für uns sehr modern klangen und uns zu einem Projekt inspiriert haben, das sich mit diesem Aspekt der Zeitlosigkeit beschäftigt, diese Überzeitlichkeit, die sich auch in Parallelen zwischen geografisch weit voneinander entfernten Orten äußert. Freundlicherweise hat uns Madeleine Leclair vom MEG auf unserem Weg durch die monumentalen Archive begleitet.

Welche Beziehung habt Ihr zum MEG? Wie war die Arbeit im Museum und was habt Ihr gefunden?
Das MEG wurde 1901 eröffnet und nach Renovierung des Gebäudes 2014 unter neuer Leitung und mit neuem Team und veränderter Konzeption wiedereröffnet. Für uns ist es eine Art magischer, verträumter Ort, den wir seit unserer Kindheit kennen. Die Sammlungen des MEG umfassen heute mehr als 80000 Objekte aus der ganzen Welt, von Afrika über Asien, Ozeanien und Amerika bis Europa, die Bestände sind riesig, sodass man der Öffentlichkeit immer nur einen kleinen Teil davon präsentieren kann. Auch ihre bedeutende musikethnografische Abteilung, wo die Audio-Dokumentation angesiedelt ist, besitzt einen immensen Umfang: Neben ungefähr 2.300 Musikinstrumenten stehen dort rund 16.000 Stunden Musik zur Verfügung, vom Wachszylinder über Acetate bis zu digitalen Dateien, Aufnahmen von überall auf der Welt. Zum Glück wurde ein beträchtlicher Teil davon digitalisiert, klassifiziert und ist daher leicht (und öffentlich) zugänglich. Diese Bibliothek (genannt AIMP für: Archives Internationales de Musique Populaire) wurde 1944 von führenden Musikethnologen Constantin Brăiloiu gegründet und bis zu seinem Tod im Jahr 1958 von ihm erweitert. Er hat auch wichtige Literatur vorgelegt wie „Problèmes d'ethnomusicologie“, das mit seinem übergreifenden Ansatz der Gegenüberstellung musikalischer Probleme und sozialer Fragen den Horizont erweitert hat. Eine unverzichtbare Lektüre.

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