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Der Secret DJ erinnert sich an eine besonders stressige Silvesternacht

Allein unter Irren

  • Text: The Secret DJ / Illustration: Alex Jenkins
  • 31 December 2017
Der Secret DJ erinnert sich an eine besonders stressige Silvesternacht

Die Silvesternacht ist ein verrückter Zeitpunkt im Jahr, ganz besonders wenn man wie unter Strom umherfährt, um so viel zu arbeiten, wie es geht, bevor sich alle entscheiden einen Monat nicht mehr feiern zu gehen.

Irgendwann kurz vorher und danach sind die einzigen Lebensformen auf der Straße DJs, Taxifahrer und Katzen.

Ich wusste nur wegen der Feuerwerkskörper auf beiden Seiten der Straße und des Horizonts, der einer Alieninvasion glich, die gerade über die Stadt hereinbrach, dass es um Mitternacht war. Ich hatte bereits drei Gigs hinter mir und befand mich auf dem Weg in den nächsten 48 Stunden noch ein paar weitere hinzulegen. Ich war buchstäblich das einzige Fahrzeug auf der größten Autobahn des Landes und es war ziemlich surreal. Selbst Psycho-LKW-Fahrer waren nirgends zu sehen – was ein zweifelhafter Segen war, da die immer das reinste Amphetamin haben.

Nach einiger Zeit wurde offensichtlich, dass ich mich dringend mal erleichtern musste. Ich hatte nichts getrunken und war diesmal tausende Kilometer selbst gefahren. Als ich bereits die dritte große Tankstelle passierte, geschlossen und ohne Licht, fühlte ich Panik in mir aufkommen. Man nimmt Bezin, fließendes Wasser und Erfrischungen ja allgemein ziemlich als selbstgegeben an. Dennoch gibt es diese seltenen Stunden im Jahr, in denen selbst die windigsten Unternehmensbosse nicht mit genug Geld winken können, um irgendeinen pickligen Hans Wurst zu überzeugen sich ganz alleine hinter den Verkaufstresen zu stellen – mitten im Nirgendwo.

Ich musste nicht nur dringend scheissen, in tiefster medizinischer Notfall-Bedeutung, ich hatte auch kaum noch Bezin. Ersteres hatte jedoch definitiv höchste Priorität. Dafür am Seitenstreifen der Autobahn in die Hocke zu gehen, war nicht unbedingt die angenehmste Vorstellung. Ich hätte mich zwar nicht gänzlich auf das Niveau der Psycho-Kraftfahrer begehen, aber es wäre nicht weit davon entfernt.

Endlich! In der Ferne erschien ein Dämmerlicht. Eine gewaltige, leere Raststätte, der Parkplatz ebenso verlassen und leblos wie die Mondoberfläche. Man merkt nicht wie riesig diese Orte sind, bis man sie so erlebt – so deprimierend.

Ein verbitterter, alter Asphalt-Clown ohne Perücke. Ich hielt so dicht wie möglich an den Eingangstüren und sprach ein Gebet. Ich waschelte und wankte zum Eingang, Mit einem „Hurra!“ durchschritt ich die Türen als diese sich öffneten. Ich schlidderte in das dunkle Foyer und bewegte mich auf meinem Weg zur Toilette fort wie ein um Kurven slidendes Rally-Auto. Die Raststätte hatte definitiv nicht geöffnet, war aber auch nicht ganz zu. Ich stürzte in die Herrentoilette und schaffte es noch gerade rechtzeitig in eine der dunklen Kabinen. Erfolg.

Dann hörte ich Schritte und die Kabine neben mir öffnete und schloss sich. Es war höchst seltsam. Ich hatte auf meinem Weg hinein weder andere Fahrzeuge noch Personen gesehen. Ein wenig gruslig.

„So Freundchen!“

...blökte eine gewaltige, aufgekrazte Stimme ganz in meiner Nähe. Ich verkrampfte und panikte. Ich wusste alles über Psycho-Kraftfahrer. Genug der Drogen vernebelten Irren hatten über die Jahre versucht mich auf den Straßen zu töten. Ich blieb mucksmäuschenstill. Vielleicht wusste er gar nicht, dass ich hier saß?

„Frohes Neues!“

Verdammt, er war gerissen. Er nutzte eine festliche Grußbotschaft. Ich musste irgendwas sagen, also grunzte ich meinem ungebetenen Besucher eine Antwort mit leicht aufgesetzter Heiterkeit entgegen. Eine Art von „Oh, äh, auch dir ein frohes neues Jahr, äh."

„Ja! Was treibst du gerade Kumpel!?“

„Öh, Ich... Äh. Bin gerade. Äh. Am Pinkeln in einer Raststätte.“

„Großartig! Toll! Kommst du raus? Auf jetzt! Es ist Silvester!“

„Äh... das ist sehr nett von dir. Ich muss eigentlich arbeiten und bin auf dem Weg zu...“

„Ja Ja Ja Bla Bla Bla. Auf jetzt. Lass dich nicht bitten.“

Ich war müde und befand mich in der Silvesternacht in der Dunkelheit mitten auf einer Autobahn, drei Gigs in den Knochen, und wurde von einem umherstreunenden Diesel-Dampf schnüffelnden Mordgesellen angemacht, der zweifellos meine Haut als Catsuit tragen wollte. Ich hatte genug. Ich zog meine Hose hoch, atmete tief ein und hämmerte mit aller Kraft auf die Regips-Wand neben mir und schrie: „VERPISS DICH DU ARMBEHAARTER KANNIBALE! ICH MUSS ARBEITEN! ICH BIN DJ ALTER! EIN KÜNSTLER! ICH HABE „DUELL“ (Anm. der Red: Thriller von Steven Spielberg) GESEHEN. ICH HABE UM HIMMELSWILLEN KEINE ZEIT FÜR DEINE FRÖHLICHEN MORDGELÜSTE! ICH MUSS ARBEITEN!“

Ich hörte nebenan nur noch ein Flüstern:

„Es tut mir echt leid, Kumpel. Ich muss dich zurückrufen. Da hockt ein beschissener Wahnsinniger neben mir in der Kabine und dreht gerade total ab.“

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